Nachruf auf Joachim Perels

Nachruf

Zum Tode des Juristen und Politikwissenschaftler Joachim Perels (1942-2026)

von

Olaf Fritz

** Screenshot von Joachim Perels. - Bearbeitet von O. Fritz nach einem Foto der Humanistischen Union zur Preisverleihung des Fritz-Bauer-Preises am 22.09.2012.
** Screenshot von Joachim Perels. – Bearbeitet von O. Fritz nach einem Foto der Humanistischen Union zur Preisverleihung des Fritz-Bauer-Preises am 22.09.2012.

Eine zufällige Begegnung auf seinem Weg

Mitte der 1990er Jahre besuchte ich bei Prof. Dr. Joachim Perels eine Einführungsvorlesung in das Fach Politische Wissenschaft an der Universität Hannover. Dabei wurde das politische System der Bundesrepublik Deutschland als demokratischer Verfassungsstaat besprochen. Basislektüre war das Lehrbuch des Rechtswissenschaftlers sowie früheren Richters am Bundesverfassungsgericht Konrad Hesse, mit dem Titel: „Grundzüge des Verfassungsrechts der Bundesrepublik Deutschland“.

Im Rahmen dieser Veranstaltung vermittelte Perels sowohl die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens als auch die besondere Bedeutung des Grundgesetzes (GG) für das politische System der BRD. In dieser Beziehung sensibilisierte Perels seine Studenten dafür, wie wichtig es sei, dass sowohl politisches Handeln als auch staatliche Gewalt an eine Verfassung geknüpft seien, um den einzelnen Menschen vor staatlicher Gewalt und Willkür zu schützen.

In dieser Beziehung skizzierte Perels die außerordentliche Rolle der Grundrechte (Menschen- und Bürgerrechte), die in den Artikeln 1 bis 19 des GG verankert sind. Er führte in diesem Zusammenhang aus, weshalb diese Rechte in den Mittelpunkt des GG gestellt wurden. Es seien die historischen Erfahrungen der Verfasser und Verfasserinnen des GG gewesen, mit dem NS-Unrechtsstaat, weshalb die besondere Schutzwürdigkeit des menschlichen Lebens und seiner Würde zwingend notwendig erschien. Im nächsten Schritt verwies er darauf, dass Schutzvorkehrungen im GG eingearbeitet worden seien. Hierzu sei der Artikel 20 GG formuliert worden, welcher die grundlegenden Verfassungsprinzipien Deutschlands in Kurzform enthält. Und in Verbindung mit dem Artikel 79 Absatz 3 des GG unantastbar seien. Die hiermit verknüpfte Absicht sei es, dass zentrale Grundsätze und Strukturen des deutschen Bundesstaates, der Bundesländer sowie der Grundrechte der Menschen nicht geändert werden können.

Darüber hinaus wurden die Verfassungsorgane des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland skizziert. Und die hiermit verknüpften spezifischen Aufgaben der politischen Institutionen erläutert, wie zum Beispiel des Bundestages im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens. In dieser Beziehung zeichnete sich Perels als Dozent dadurch aus, dass er die Fähigkeit besaß, komplexe Sachverhalte verständlich zu vermitteln. Dabei war er im Auftreten stets freundlich und seinen Studenten zugewandt. Er hatte dabei stets ein offenes Ohr für ihre Fragen und scheute keine Diskussion.

Das gemeinsame Interesse und der Wunsch zu verstehen

Im Verlauf meines sozialwissenschaftlichen Studiums besuchte ich eine Reihe von Veranstaltungen bei Prof. Perels, weil er sich oft mit der neueren deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert beschäftigte. Dabei interessierte mich sowohl die politische Geschichte der Weimarer Republik als auch der Aufstieg des Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt meines Interesses standen dabei die Fragen: Warum scheiterte die Weimarer Demokratie? Was waren die genauen Gründe? Wie ist die Entwicklung der Weimarer Republik von ihren Anfängen bis zum Untergang zu verstehen? Und letztendlich, wie konnte es zum NS-Unrechtsstaat im Land der Denker und Dichter kommen?

Mein Antrieb, sich mit diesen Fragen in der Mitte der 1990er Jahre zu beschäftigen, lag darin begründet, dass der Sozialwissenschaftler, Publizist und Mäzen Jan Philipp Reemtsma (* 1952) die Wehrmachtsausstellung (1995) in Hamburg initiierte. Dies löste eine breite öffentliche Diskussion über die Rolle der Wehrmachtssoldaten im 2. Weltkrieg aus. Vor allem, welche sie bei den Verbrechen an der Zivilbevölkerung und Soldaten in der Sowjetunion spielten.

Etwa zur gleichen Zeit erfuhr ich, dass einer meiner Großväter, ein ganz normaler Deutscher, als Wehrmachtssoldat im Todeskessel von Stalingrad im Winter 1942/43 einen sinnlosen Tod starb. In dieser Beziehung spielte für mich auch die veröffentlichte Arbeit des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers und Soziologen Daniel Goldhagen (* 1959) mit dem Titel: „Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust“ (1996) eine entscheidende Rolle. In dieser Studie kam Goldhagen zu dem Schluss, dass die Täter des Völkermordes an den Juden ganz normale Deutsche gewesen seien. Diese Arbeit löste schließlich eine öffentliche Kontroverse aus, die heute als „Goldhagen-Debatte“ bekannt ist.

Vor diesem Hintergrund stellte ich mir die Frage, ob mein Großvater an der NS-Barbarei beteiligt war? Was seine Motive gewesen sein könnten? Und, wie es geschehen konnte, dass er auf einen menschenverachtenden Verführer, seine Ideologie und sein Regime reinfallen konnte? Ich war auf der Suche nach Antworten, um einen kleinen Teil meiner Familiengeschichte zu verstehen. Leider fand ich keine individuellen Antworten, auf die o.g. Fragen, weil darüber in meiner Familie selten bis gar nicht gesprochen wurde.

Jedoch fand ich nuancierte Antworten in Perels Veranstaltungen, die sich mit der NS-Vergangenheit beschäftigten. Und die diabolische Art und Weise des NS-Regimes aufdeckte, die normale Deutsche zu Verbrechern werden ließ. In diesem Zusammenhang sei auch auf die detaillierte Studie des Politikwissenschaftlers, Historikers und Journalisten Götz Aly (* 1947) verwiesen. In seiner Arbeit, mit dem Titel: „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“ (2025), legt dieser anschaulich und faktenreich dar, wie das NS-Regime, die Mehrheit der deutschen Bevölkerung auf ihre Seite zog.

Erst später erfuhr ich davon, dass Prof. Perels in seiner Familiengeschichte durch den NS-Unrechtsstaat schwer gezeichnet war. Perels, der am 31. März 1942 in Berlin geboren wurde, verlor bereits als Kleinkind seinen Vater, den Juristen Friedrich Justus Perels (1910-1945), der sich gegen das NS-Regime stellte. Und im letzten Kriegsjahr (1945) hingerichtet wurde. Sein Großvater, der Historiker Ernst Perels (1882-1945), wurde in diesem Zusammenhang in sogenannter Sippenhaft genommen, welche dieser nicht überlebte.

Vor diesem Hintergrund wird deutlicher, woher Perels besonderes Interesse kam, um sich intensiv mit der Geschichte, der Politik und dem Recht des NS-Unrechtsstaates und seinen gravierenden Folgen zu beschäftigen. Mit seinen außerordentlichen Forschungsbeiträgen zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus, erlangte Perels, über die Grenzen des Hochschulbetriebs hinaus, weltweite Anerkennung.

In seiner Lehre war Prof. Perels Sichtweise stets klar und von einer geistigen Präzision gekennzeichnet, die auf dem Verständnis des Kerns der jeweiligen Thematik beruhte. Zu diesen Themen zählten unter anderem die Verfassungslehre, Macht- und Herrschaftsstrukturen, die gescheiterte Weimarer Republik, die Rolle der evangelischen Landeskirche Hannover im Nationalsozialismus, der NS-Unrechtsstaat sowie dessen juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen in der jungen Bonner Republik.

In dieser Beziehung unterstrich er die besondere Rolle des Rechts und die Gefahren, die sich ergeben, wenn Recht und Gesetz pervertiert werden in einem totalitären Staat. In seinen Vorlesungen/Seminaren gab es oft die Möglichkeit, mit ihm zu diskutieren. Dabei spielte er sich keinesfalls als Oberlehrer oder gar Besserwisser auf. Das Gegenteil war der Fall. Er war dabei offen und interessiert an der Sichtweise seines Gegenübers. Dabei war er themenorientiert und seinem Gesprächspartner zugewandt. Selbst, wenn dieser eine andere Sichtweise vertrat.

Perles akademischer Werdegang

Nach diesen persönlichen Gedanken und Erinnerungen an Prof. Perels folgt an diesem Punkt ein kurzer Blick auf seinen akademischen Werdegang. In Frankfurt am Main besuchte er bis 1962 das altehrwürdige Goethe-Gymnasium und erlangte dort seine Allgemeine Hochschulreife. Im Anschluss daran absolvierte er seine Hochschulausbildung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Tübingen. Dabei belegte er die Fächer: Philosophie, Soziologie und Politische Wissenschaft sowie im Schwerpunkt die Rechtswissenschaft. Sein erstes juristisches Staatsexamen legte er 1967 an der Universität in Frankfurt am Main ab. Hier bekleidete er zunächst eine Stelle als Hilfsassistent am Institut für Wirtschaftsrecht.

Im Jahr 1971 wurde Perels Verwalter einer Stelle als wissenschaftlicher Assistent am Seminar für Wissenschaft von der Politik an der damaligen Technischen Universität (TU) Hannover. Zwei Jahre später promovierte Perels zum Dr. jur. an der Universität Frankfurt am Main. Bereits in seiner Doktorarbeit, die unter dem Titel: „Kapitalismus und politische Demokratie. Privatrechtssystem und Verfassungsstruktur in der Weimarer Republik“ (1973) erschien, wird seine Forschungsperspektive deutlich. Die sich im historischen Spannungsfeld von Recht, Politik und Wirtschaft sowie deren wechselseitigen Folgen bewegte.

Es folgen Positionen als Akademischer Rat und Oberrat am Seminar für Wissenschaft von der Politik an der TU Hannover. Im Jahr 1978 erwirbt Perels für das Fach Politische Wissenschaft die akademische Lehrerlaubnis (Venia Legendi). Es folgt fünf Jahre später (1983) der Ruf zum Ordentlichen Professor für Politische Wissenschaft an der Universität Hannover. Am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Hannover ist er mehrfach geschäftsführender Direktor. Weiterhin ist Perels von 1999 bis 2005 Mitglied des Senats der Universität Hannover. Im Jahr 2007 ist er in den Ruhestand gegangen.

Persönlichkeiten die Perels beeinflussten

Sicherlich wurde auch Perels auf seinem wissenschaftlichen Weg in Forschung und Lehre geprägt. In dieser Beziehung ist mit Martin Arends festzuhalten, dass Perels von drei Persönlichkeiten stark beeinflusst wurde. Dies waren der Hochschuldozent und Rechtswissenschaftler Rudolf Wiethölter (1929-2024) von der Universität Frankfurt a. M. Von diesem übernahm Perels offenbar die klare und prägnante Ausdrucksweise, um Erkenntnisse verständlich zu formulieren. Von dem früheren Widerstandskämpfer, Juristen und Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth (1906-1985), der ab 1950 bis 1972 an der Philipps-Universität in Marburg lehrte, erlernte Perels offenbar bei seinen Arbeiten das politische und gesellschaftliche Kräftefeld zu beachten und die geschichtliche Bedeutung zu berücksichtigen. Auch die Philosophie von Ernst Bloch (1885-1977) prägte seine Denkweise.

Aktivitäten außerhalb des Hochschulbetriebs

Neben seiner akademischen Arbeit soll an dieser Stelle schlaglichtartig dargelegt werden, dass Perels unter anderem in den Jahren 1968 bis 1974 als Redakteur der Zeitschrift „Die Stimme der Gemeinde“, die vom Bruderrat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und dem evangelischen Theologen Martin Niemöller (1892-1984) herausgegeben wurde, tätig war. Diese Zeitschrift beschäftigte sich etwa mit Fragen aus Kirche, Politik und Gesellschaft. Im gleichen Jahr (1968) wurde er Mitbegründer und langjähriger Redakteur der Zeitschrift „Kritische Justiz. Vierteljahresschrift für Recht und Politik“, die bewusst in einer kritischen Denktradition zu sehen ist und sich mit der Rechtsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland bis heute beschäftigt.

Neben seinen fachjournalistischen Arbeiten war Perels zum Beispiel von 2000 bis 2006 Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt am Main und ab 2001 als dessen Vorsitzender tätig. Im Jahr 2012 verlieh ihm die Humanistische Union für seine Arbeit den Fritz-Bauer-Preis. Darüber hinaus war er unter anderem Mitglied einer Expertenkommission für den Ausbau der Gedenkstätte Bergen-Belsen und stellvertretender Direktor des Instituts für Föderalismusforschung (2004-2010).

Abschließende Gedanken

Am Ende meiner Studienzeit durfte ich bei Prof. Dr. Perels meine Abschlussarbeit schreiben. Ich besuchte seine Sprechstunden, und als ich sein Büro am Schneiderberg betrat, fiel mir zuerst ein Bücherregal auf, das sich extrem durchgebogen hatte. Eine große Menge an Büchern stapelten sich darauf. Und ich glaubte, dass es jeden Moment zusammenbrechen müsse. Auch ein S/W-Foto fiel mir dabei ins Auge. Ich weiß leider nicht mehr, ob es sich dabei um seinen Großvater oder Vater handelte. Schließlich brachte ich ihm mein Anliegen vor, dass ich bei ihm meine Abschlussarbeit schreiben wollte. Sicherlich kannte er mich aus einer Reihe von Vorlesungen/Seminaren. Aber eine größere Hausarbeit hatte ich bei ihm nicht geschrieben.

Er konnte also nicht einschätzen, ob ich ein angemessener Kandidat war. Dennoch war er bereit dazu und wir sprachen über mögliche Themen. Meine erste Überlegung in diesem im Zusammenhang war ein Thema, das sich mit Bundesverfassungsgericht beschäftigte. Dies funktionierte nicht. Letztendlich hatte ich bei ihm eine Vorlesung zur Weimarer Republik gehört. Und dabei hatte der Jurist und Politikwissenschaftler Ernst Fraenkel mein Interesse geweckt. Und so kam es, dass ich eine Arbeit über Fraenkels Position in der Weimarer Republik schrieb. Er formulierte den konkreten Titel der Arbeit. Und bat mich, im nächsten Schritt ein Konzept und eine Literaturliste anzufertigen. Bei unserem nächsten Gespräch legte ich ihm mein Konzept vor. Dabei spitzte er meine Fragestellung etwas zu, die seiner Meinung nach zu breit angelegt war. Mit dem methodischen Ansatz sowie den ermittelten Materialien für die Arbeit war er zufrieden. Danach sah ich Perels lange Zeit nicht. Der Grund dafür war eine schwere Erkrankung. Dies führte dazu, dass sich der Prüfungsprozess hinzog. Meine letzte persönliche Begegnung mit ihm hatte ich im Rahmen meiner Prüfung im Jahr 2003.

Am Ende des Weges

Am 27. September 2026 verstarb Joachim Perels im Alter von 84 Jahren.  Ich stolperte über diese Nachricht und war betrübt. Eine klare Stimme der Vernunft ist damit verstummt. Ein Leuchtfeuer der Orientierung in Zeiten der heranwachsenden Dunkelheit ist erloschen. Ein kritischer Denker und Aufklärer, der sich der Risiken für das menschliche Leben durch autoritäre und totalitäre Systeme bewusst war, ist von uns gegangen. Er hinterlässt eine Lücke für seine Ehefrau, seine beiden Kinder, Enkelkinder sowie Angehörige, Freunde und ehemaligen Studierende.

Quellen

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